Als ich Ivy völlig falsch eingeschätzt habe
Vor Kurzem durfte ich an einem Kurs zur Verhaltensanalyse teilnehmen.
Da ich als Einzige mehrere Hunde dabei hatte, durfte ich im Ampelsystem gleich mehrere Beziehungen beurteilen: zwischen mir und Ivy, zwischen mir und Shorty – und auch zwischen Shorty und Ivy.
Bei Ivy fiel meine Wahl auf Rot.
Ich war überzeugt, dass unsere Bindung nicht so eng war, wie ich sie mir wünschte.
Bevor wir mit der Analyse begannen, wurden alle Situationen auf Video aufgezeichnet.
Als wir die Aufnahmen später gemeinsam anschauten, war ich auf vieles vorbereitet – nur nicht auf das, was ich dort sah.
Ivy orientierte sich viel stärker an mir, als ich je gedacht hätte.
Sie blieb in meiner Nähe.
Sie entfernte sich nie weit.
Wenn ich stehen blieb, kam sie ganz selbstverständlich zu mir zurück.
Und beim gespielten Ohnmachtsanfall wich sie keine Sekunde von meiner Seite.
Ich sass dort und fragte mich:
Wie konnte ich das all die Zeit übersehen?
In diesem Moment wurde mir bewusst, wie sehr unsere eigenen Gedanken manchmal den Blick auf das verstellen, was längst da ist.
Die Videoanalyse zeigte mir eine Bindung, die viel stärker war, als ich sie selbst wahrgenommen hatte.
Im anschliessenden Gespräch brachte der Trainer noch einen weiteren Gedanken ein.
Er hatte weniger Ivy im Blick als mich.
Er meinte, ich wirke ihr gegenüber teilweise etwas genervt oder angespannt.
Als ich die Aufnahmen später noch einmal anschaute, konnte ich nachvollziehen, weshalb dieser Eindruck entstanden war. Es war ein heisser Tag, die Sonne blendete mich stark und während der gesamten Übung durfte ich weder Blickkontakt aufnehmen noch mit Ivy sprechen. Dadurch wirkte ich auf dem Video deutlich verschlossener, als ich mich in diesem Moment tatsächlich fühlte.
Auch das war für mich eine wertvolle Erkenntnis.
Nicht, weil jemand von uns recht oder unrecht hatte.
Sondern weil verschiedene Blickwinkel unterschiedliche Dinge sichtbar machen.
Seit diesem Tag versuche ich, genauer hinzuschauen – und weniger vorschnell zu bewerten.
Nicht nur bei Ivy.
Sondern ganz grundsätzlich.
Manchmal brauchen wir einen Blick von aussen, um das zu erkennen, was wir selbst nicht sehen. Nicht, weil wir falsch liegen. Sondern weil jeder Blick nur einen Teil der Geschichte erzählt.


