Warum ich Ivy nicht mehr einfach leise machen möchte
Manchmal lohnt es sich zuzuhören, bevor wir ein Verhalten verändern wollen.
Ivy war noch nie ein Hund, der seine Meinung für sich behält.
Vor allem bei Hundebegegnungen kann sie ziemlich deutlich werden. Sie fiept, bellt, geht auch mal in die Leine – Ivy kommentiert.
Und lange Zeit war mein erster Gedanke dabei:
Sie muss damit aufhören.
Also versuchte ich, sie zu korrigieren. Mit einem deutlichen Nein, mit Druck und mit dem Versuch, ihr Verhalten möglichst schnell zu unterbrechen.
Nicht, weil ich ihr etwas Böses wollte. Sondern weil ich glaubte, genau das sei meine Aufgabe.
Ein Hund sollte schliesslich ruhig an anderen Hunden vorbeigehen können.
Und wenn der eigene Hund mitten im Städtchen lautstark reklamiert und sich gefühlt zwanzig Köpfe gleichzeitig zu einem umdrehen, entsteht noch etwas anderes:
Es ist einem unangenehm.
Vielleicht sogar ein bisschen peinlich.
Denn ein bellender Hund bekommt schnell einen Stempel. „Pöbler“. „Unerzogen“. Oder: Die hat ihren Hund nicht im Griff.
Dabei sehen Menschen von aussen oft nur wenige Sekunden einer viel längeren Geschichte.
Irgendwann merkte ich, dass sich mein Umgang damit für mich nicht mehr richtig anfühlte.
Nicht nur, weil er bei Ivy wenig veränderte.
Sondern weil ich mich immer häufiger etwas anderes fragte:
Wollte ich Ivy helfen – oder wollte ich vor allem, dass sie leise ist?
Heute wünsche ich mir natürlich noch immer, dass Hundebegegnungen für uns beide entspannter werden.
Aber mein Weg dorthin hat sich verändert.
Statt Ivy für ihre Reaktion zu korrigieren, versuche ich heute, ihre Erwartung an Hundebegegnungen zu verändern. Sie sieht einen Hund – und etwas richtig Gutes passiert.
Manchmal funktioniert das wunderbar.
Und manchmal findet Ivy den anderen Hund noch immer bedeutend spannender als jedes Super-Goodie dieser Welt.
Und manchmal gehen wir einfach ein paar Schritte zur Seite.
In den Wald, ins Feld oder dorthin, wo Ivy etwas mehr Raum bekommt.
Früher waren mir die Blicke anderer dabei unangenehm. Vielleicht auch, weil es sich ein bisschen so anfühlte, als müsste ich mit meinem Hund ausweichen, während andere einfach vorbeigehen können.
Heute werden mir diese Blicke zunehmend egal.
Denn ich weiss, warum ich ausweiche.
Nicht, weil ich aufgegeben habe. Sondern weil Ivy in diesem Moment mehr Abstand braucht – und ich ihn ihr geben kann.
Wir sind also noch lange nicht am Ziel.
Aber wir arbeiten heute miteinander und nicht mehr gegeneinander.
Gerade lese ich ReBELLion von Ulli Reichmann. Ein Buch über „laute“ Hunde und darüber, wie schnell bei uns Menschen der Wunsch entsteht, sie leiser zu bekommen.
Und beim Lesen musste ich immer wieder an Ivy und unseren eigenen Weg denken.
Denn vielleicht lohnt es sich, bevor wir versuchen, ein Verhalten abzustellen, erst einmal zu fragen, warum es überhaupt da ist.
Das bedeutet nicht, dass jedes Bellen einfach hingenommen werden muss.
Und es bedeutet auch nicht, dass ich Ivy bei Hundebegegnungen einfach machen lasse.
Aber ich möchte nicht mehr nur das sehen, was mich in diesem Moment stört.
Ich möchte verstehen, was hinter ihrem Verhalten steckt – und was sie braucht, damit es sich irgendwann verändern kann.
Vielleicht müssen unsere Hunde nicht immer zuerst leiser werden. Vielleicht müssen wir manchmal zuerst besser zuhören.


